Chiapas
Vom 27. Juli bis 3. August 1996 habe ich am "Intergalaktische Treffen
gegen den Neoliberalismus und für eine menschliche Gesellschaft"
teilgenommen. Eingeladen zu dem Treffen hatte die EZLN, die
"Zapatistische Armee zur nationalen Beifreiung", eine äußerst
sympathische Guerilla, die größere Gebiete in Chiapas, dem ärmsten
Bundesstaat Mexikos kontrolliert. In der Tradition der Bauernarmee des
Revolutionsgenerals Emiliano Zapata kämpft sie gegen ein Leben unter
menschenunwürdigen Bedingungen, gegen Armut, Hunger und Tod, für
Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit. Erstmals an die Öffentlichkeit
getreten ist die EZLN am 1. Januar 1994, an dem Tag, an dem das
noramerikanische Freihandelabkommen NAFTA zwischen Mexiko, den USA und
Kanada in Kraft getreten ist. Die EZLN unterscheidet sich in vielerlei
Hinsicht von den "klassischen" nationalen Befreiungsbewegungen. Ihr
Ziel ist nicht die Machtübernahme, sondern die Zurückdrängung der
Macht, um Platz zu machen für das, was sie "zivile Gesellschaft"
nennen. Auch die Machtverhältnisse sind in der EZLN anders. Nicht die
militärische Führungsriege bestimmt, sondern die soziale Basis, die
Indigena-Gemeinden, entscheiden basisdemokratisch über das Vorgehen
der EZLN. Ohne Zweifel verdankt die EZLN jedoch die weltweite
Aufmerksamkeit und Sympathie, die ihr entgegengebracht wird, vor allem
ihrem Sprecher Subcomandante Marcos, dessen poetische und verspielte
Erklärungen ihn weit über die radikale Linke hinaus zur Kultfigur
haben werden lassen.
Etwa 2000 Menschen, vornehmlich aus Westeuropa und Amerika, folgten der
Einladung zum "Intergalaktischen Treffen gegen den Neoliberalismus und
für eine menschliche Gesellschaft" --- besonders "`intergalaktisch"' war
es also leider nicht. Es waren doch eher die relativ reichen
Metropolen-Linken, die sich dort im Urwald versammelten. Selbst für
viele Menschen aus den anliegenden amerikanischen Ländern war es schwer
an dem Treffen teilzunehmen, weil jeder und jede 100 Dollar
Teilnahmebeitrag aufbringen musste, eine Summe, die viele Menschen dort
nicht in einem Monat verdienen.
Sammelpunkt für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt war
San Christobal de las Casas, eine hauptsächlich vom Tourismus lebende
Stadt in der Nähe des Rebellengebietes. In den Tagen bevor die Reise ins
Zapatisten-Gebiet losging, konnten wir dort hautnah erleben, wieso die
Forderung nach einem Leben in Würde eine so wichtige Rolle in der
Politik der EZLN einnimmt. Unübersehbar sind in San Christobal die
Bettlerinnen und Bettler und die Scharen von Kindern, die versuchen ein
paar Pesos zum Überleben zusammenzubekommen, indem sie den Touris die
Schuhe putzen und ihnen armselige Handarbeiten verkaufen. Ein Erlebnis
der besonderen Art war auch, wie uns mal ein völlig besoffener Indio von
der "Überlegenheit der europäischen Rasse" zugeschwallt hat.
Was war es da für ein Unterschied, als wir nach einem halben Tag
Busfahrt durch die malerischen Berge des lakandonischen Regenwalds am
Tagungsort ankamen. Wir wurden begrüßt von ganz andere Menschen.
Aufrecht gehende, ungemein sympathische Männern, Frauen und Kinder,
vermummt mit unseren Hassis nicht unähnlichen Wollmützen, die um ihr
Recht auf ein menschenwürdiges Leben kämpfen. Das Gefühl in befreiten
Gebieten zu sein war einfach unbeschreiblich --- wir waren für fünf
Tage (mit kleinen Unterbrechungen) in Gebieten, in denen zumindest die
politische Macht des mexikanischen Staates gebrochen war.
Nach einer gemeinsamen Auftaktveranstaltung in dem Dorf Oventic, wo die
ankommenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Reden, Tänzen und Gesang
begrüßt wurden, ging am nächsten Tag die Reise weiter zu den fünf
Tagungsorten, in denen zu den Themen "Welche Politik haben wir und
welche Politik brauchen wir", "Die ökonomische Frage --
Horrorgeschichten", "Alle Kulturen für jeden", "Welche Gesellschaft ist
nicht zivil?" und "In diese Welt passen viele Welten" getagt werden
sollte. Die zapatistischen Dörfer, in denen getagt wurde, lagen leider
sehr weit auseinander, so daß man die Leute von den anderen
Themengebieten erst wieder eine Woche später sah, bei der gemeinsamen
Abschlußveranstaltung. Diese Ortswechsel bedeuteten immer einen halben
bis ganzen Tag Fahrt in mehr oder weniger bequemen Bussen, aber man hat
sich an diese für uns Mitteleuropäer doch recht ungewohnten Entfernungen
in Amerika recht schnell gewöhnt.
Meine Mesa hat in "La Realidad" ("Die Realität") getagt, einem der
größeren Zapatisten Dörfer, in denen schon mehrer ähnliche
Veranstaltungen stattgefunden haben und in dem Sub Marcos auch seine
Pressekonferenzen abhält. Wir waren nicht direkt in dem Bereich, in dem
die Indigenas leben, sondern in einem extra Aufbau für solche Treffen,
mit einer großen Bühne und Hütten, in denen fast alles verkauft wurde,
was der Metropolenrevolutionär zum überleben braucht. Sogar Coca Cola in
Dosenform und Marlboro gibt es heutzutage bei der Guerilla im
lateinamerikanischen Urwald. Genächtigt wurde unter überdachungen, die
Schutz gegen den Regen boten -- es war gerade Regenzeit in Chiapas,
jeden Tag hat es mindestens einmal wie aus Kübeln gegossen --- unter
denen wir unsere Hängematten aufgespannt hatten. War gar nicht mal so
ungemütlich, wenn man sich mal dran gewöhnt hatte. Der Moskito-Terror
blieb zum Glück aus. Der Regen hatte den Tagungsort in kürzester Zeit
in einen einzigen Morast verwandelt, aber wenn man schon mal eine ganze
Woche auf befreiter Erde ist, was macht es dann schon, wenn man ein paar
Zentimeter einsackt?
In den jeweiligen "Mesas" (spanisch für Tische) wurden noch einmal
Submesa gebildet, weil es sich mit mehreren hundert Leuten doch recht
schlecht diskutieren lässt. Ich war in der Submesa "Ideologien" der Mesa
"Politik". Mit vierzig bis fünfzig Leuten war das eine der eher
kleineren Gruppen, in der sich auch recht gut diskutieren ließ. In
anderen Diskussionsgruppen, in denen zum Teil mehr als hundert Leute
waren, lief es leider nicht so gut, zum Teil wurde da nur ein
Redebeitrag nach dem anderen runtergerissen, ohne daß eine wirkliche
Diskussion stattgefunden hätte. Als großes Hemmnis hat sich erwiesen,
daß ich kein Spanisch spreche. Das gesamte Treffen lief ausschließlich
auf Spanisch ab, und obwohl wir in unserer Gruppe eine ebenso gute wie
nette deutsche übersetzerin hatten, war es doch sehr schwer in den
Diskussionsprozeß einzugreifen. Und bei solchen Treffen sind die
informellen Gespräche, die man sonst so führt, ja meist viel wichtiger
als die eigentlichen Diskussionrunden. Auch da bin ich mit meinem
Englisch leider nicht allzu weit gekommen. Abgesehen von ein paar
Gesprächen mit Leuten aus der USA und England hatte ich fast
ausschließlich mit Leuten aus Deutschland zu tun. Für ein
internationales Treffen war das zwar recht Schade, aber dafür waren die
Leute aus Deutschland nicht nur sehr nett, sondern hatten auch
interessante Sachen zu sagen und man konnte gut mit ihnen diskutieren.
Wenn ich so von der großen weiten Welt auch nicht so viel mitbekommen
habe, habe ich zumindest einen guten Blick über den Koblenzer Tellerrand
bekommen, was sonst so in anderen linken Szenen in Deutschland abgeht.
Besonders schade fand ich, daß ich von dem Leben der Indigenas
und ihrem Kampf kaum etwas erfahren habe. Gespräche waren leider
nicht möglich, wenn überhaupt sprachen sie außer ihren Sprachen
nur Spanisch, und getreu des Ansatzes der EZLN, nicht selbst Politik
zu betreiben sondern Platz zu schaffen für "die Zivilgesellschaft"
haben zwar Militante der EZLN an allen Submesas teilgenommen, in
die Diskussionen jedoch kaum oder gar nicht eingegriffen.
Es hat zu einer gewissen Spannung geführt, daß die Indigenas sich
vollkommen aus den Diskussionen, dem inhaltlichen Teil herausgehalten
haben, und nur in Erscheinung getreten sind als OrganisatorInnen. Zum
einen ergab sich dadurch, daß da ein Haufen vornehmlich reicher weißer
Gäste zusammensaß und die Weltrevolution diskutierte, während die
Gastgebenden Indigenas damit beschäftig waren Serviceleistungen zu
erbringen, den Leuten das beste was sie zu bieten hatten -- und die
Leute sind die ärmsten der Armen in Mexiko -- aufzutischen und sie zu
bedienen, was ja eine Kopie der Verhältnisse ist, die wir bekämpfen. Zum
anderen führte dies zu einer klaren Trennung zwischen den Diskussionen,
die die Gäste bestritten, und dem von den Indigenas und ihrer EZLN
organisierten Rahmenprogramm. Dadurch war da zum einen die Arbeit in
den Arbeitsgruppen, die insbesondere für die Leute in den großen
Gruppen, wo nur ein nichtssagender Redebeitrag nach dem anderen verlesen
wurde und es keine guten Diskussionen gab, recht frustierend war, und
zum andern das Rahmenprogramm der EZLN mit viel AgitProp (mit
Faust-geballt-und-Hand-ans-Herz zur EZLN-Hymne, Che Guevara Lied und
Bella Ciao -- ein "Viva" auf die Columna Durruti gab's auch --
Revolutionsromantiker wie ich sind da gut auf ihre Kosten gekommen) und
Reden der EZLN-Comandantas und Commandantes. Einige Teilnehmerinnen und
Teilnehmer hatten das Gefühl nur die Staffage für eine
EZLN-Propaganda-Show zu sein. Die bürgerliche Presse hat sich
erwartungsgemäß wenig für das interessiert, was da diskutiert wird, und
viel mehr für die Verlautbarungen der EZLN, insbesondere alles was
Kultfigur Marcos sagt und tut. Hier haben aber auch einige
TeilnehmerInnen ein erbärmliches Bild abgegeben: Der Anblick war
wahrlich schwer zu ertragen, wenn eine Meute Autogramjägerinnen die
Commandantes umlagerte. Überhaupt wäre zu dem Verhalten der
Teilnehmerinnen und Teilnehmer einiges zu sagen: Manche haben sich
wahrlich wie die allerletzten Pauschaltouristen aufgeführt. Aber das
spare ich mir jetzt, sonst rege ich mich nur wieder auf.
Persönlich war's für mich eine äußerst interessante und auch erholsame
Woche im Herrschaftsgebiet der Revolution, zu Gast bei den Verdammten
dieser Erde, den Tag damit zu verbringen mit Genossinnen und Genossen
zu diskutieren wie ein menschenwürdiges Leben, wie die staaten-,
klassen- also herrschaftslose Weltgesellschaft erkämpft werden kann,
für ein paar Tage auf einer Insel des Widerstands gegen die One World
des Kapitals zu sein und zu erleben, daß es nicht so bleiben muß wie
es ist.