Kuba und die Weltfestspiele
[This article in English]
Eigentlich versuche ich mich von "Jugendpolitik" fernzuhalten; es hat
schließlich lange genug gedauert---und war verdammt harte
Arbeit---erwachsen zu werden. Als sich dann aber die Möglichkeit bot,
an den XIV. Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Havanna, Kuba,
teilzunehmen, konnte ich nicht wiederstehen. Da wird man doch gleich
wieder jung. (Und wie sich herausstellte, war ich mit meinen 24 Jahren
auch durchaus noch einer der jüngeren Teilnehmer.)
Zu den Weltfestspielen kamen mehr als 12.000 Delegierte aus aller Welt
nach Havanna, wobei die US-Delegation mit mehr als 800 Teilnehmerinnen
und Teilnehmern die zahlenmäßig größte war. Für die Delegierten aus
den USA war es nicht einfach nach Kuba zu kommen. Die US-Blockade
gegen Kuba verbietet es den Bewohnerinnen und Bürgern der USA de facto
nach Kuba zu reisen, weil das Embargo verbietet Geld auf Kuba
auszugeben. Theoretisch ist es zwar möglich spezielle Lizenzen für
eine Reisen nach Kuba zu bekommen, etwa um an einer internationale
Konferenz teilzunehmen, praktisch werden diese Lizenzen jedoch
kaum---und an uns schon gar nicht---vergeben. Die Mitglieder der
amerikanischen Delegation haben sich also mit der Teilnahme an den
Weltfestspielen strafbar gemacht, was in Bußgeldern bis zu mehreren
tausend Dollar resultieren kann. (Sieh dazu auch den Nachtrag.) Ähnliche Probleme hatte die Delegation
aus Süd-Korea, der von ihrer Regierung ebenfalls die Teilnahme
verboten wurde.
Probleme der anderen Art hatte die deutsche Delegation. Motto des
Kongresses war "Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und
Freundschaft"; angeblich hat Che ja auch mal behauptet, Solidarität
sei Zärtlichkeit der Völker. Entsprechend hatten sich bei dem Kongreß
ein Haufen unterdrückter Völker und Nationen angesammelt (schon mal
von einer Gegend namens Galizien gehört?). Der deutschen Delegation
stellte sich das Problem, sich in diesen Völkerreigen einzuordnen. Die
FDJodler haben auf ihre Identität als Bürgerinnen und Bürger der
besetzten DDR gepocht und ihren nationalen Befreiungskampf gegen die
westdeutschen Okkupanten erläutert, den sie in einer Front mit den
antiimperialistischen Bewegungen der Welt, von PLO bis IRA,
führen. Beim Rest der deutschen Delegation war dies nicht unbedingt
konsensfähig, was spätestens unübersehbar wurde, als die Jusos
demonstrativ bei einer FDJler Rede aus dem Saal zogen. Andere
teilnehmende Gruppen aus Deutschland hatten ihre Probleme mit dem
Identitätsverständnis der Jusos, dem sie auf der Auftaktkundgebung mit
einer (kleinen, wie mir versichert wurde) Deutschland Fahne Ausdruck
verschafften. Die angereisten Autonomen (B0-Fraktion) fanden das gar
nicht gut und versuchten ihnen eben diese Fahne abzunehmen, was zu
kleineren Handgreiflichkeiten führte. Weniger amüsant als die
deutschen Versuche an der antiimperialistischen Ideologie war, daß
auch Vertreter aus Herzländern des Antiimperialismus wie dem Irak
eingeladen wurden. Inbesondere die kurdischen Delegierten konnte sich
mit solchen Verbündeten nun gar nicht anfreunden.
Gestandene Antinationale konnten sich da zurücklehnen und mitansehen
wie sich die Widersprüche einer Ideologie entfalten, die Befreiung
nicht auf die Befreiung des Individuums bezieht, sondern in
künstlichen, von Mythologie und Repression zusammengehaltenen Gebilden
wie Völkern und Nationen denkt.
Von besonderer politischer Relevanz waren sie nicht, die Diskussionen
und Resolutionen des Kongresses. Das antiimperialistische Tribunal ist
zu dem nicht neuen Schluß gekommen, daß der Imperialismus---vor allem
der US-amerikanische---ein ganz schlimmer Finger ist, und daß es
Arbeit, Demokratie und Gerechtigkeit ist, was die Jugend der Welt
gefälligst haben will; aber ich war auch nicht wegen des "offiziellen"
Festival-Programms nach Kuba gekommen, sondern um die anderen
Delegiertinnen und Delegierten und die Kubanerinnen und Kubaner
kennenzulernen. Eine sehr schöne Seite des Festivals war, daß man
wirklich sehr einfach mit Menschen ins Gespräch kommen konnte, die von
ihren Kämpfen daheim und in aller Welt zu erzählen hatten. Bei dem
permanenten Organisationschaos und den damit verbundenen Wartezeiten
hatten wir auch immer genug Zeit zum plaudern. An den offiziellen
Diskussionsrunden habe ich kaum teilgenommen, schon gar nicht
aktiv. (Selbst die Partys spielten sich eher in kleinerem Kreis in der
Nachbarschaft oder bei der Familie ab als bei den ganz großen
Tanzveranstaltungen.)
Neben den Foren und Diskussions- und Gesprächsrunden gab es jeden Tag
Exkursionen in Einrichtungen der kubanischen Gesellschaft, was mir die
Gelegenheit bot das berühmte kubanische Gesundheitssystem in einem
Krankenhaus in Aktion bewundern zu können. (Zum Glück nur als
Besucher.) Daneben hatte jeder Kontinent sein eigenes Clubhaus, in dem
die jeweiligen Länder und Organisationen sich präsentierten.
Trotz meiner nicht existierenden Kenntnisse der spanischen Sprache
habe ich einiges über die kubanische Gesellschaft und das Leben der
Menschen in Kuba von der Reise mitgenommen. Unsere Delegation ist
netterweise nicht in Hotels, sondern bei kubanischen Familien
untergebracht worden, was einem doch gleich in Kontakt mit dem Leben
auf Kuba gebracht hat. Ich wohnte bei einer äußerst fürsorglichen
alleinerzehnden Mutter und ihren beiden etwa achtzehnjährigen Kindern;
und alle haben sie geraucht, da fühlt man sich doch gleich zu
Hause. Da ich kein Spanisch, und die Kindern in meiner Familie nur
sehr rudimentäres Englisch sprachen, war die Kommunikation nicht immer
ganz einfach. Mit Händen und Füßen hat's aber doch ganz gut geklappt,
und außerdem hatten wir noch Rico, einen weiteren US-Delegierten, der
bei der Familie in der Etage über uns wohnte und Spanisch so gut wie
Englisch sprach.
Gewohnt haben wir recht großzügig im Untergeschoß eines zweietagigen
Hauses. Es war schon recht ungewohnt für mich in so einer
gutbürgerlichen (sic!) Umgebung zu leben; natürlich hatte meine
kubanische Familie mir das beste Zimmer im Haus gegeben und auch sonst
alles getan um meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.
So nett es war bei der Familie, es stellt sich doch die Frage, was so
ein gesundes Familienleben mit Sozialismus zu tun hat. Das Leben der
Kubanerinnen und Kubaner---gerade meiner Familie---hat mich an die
Sentenz von Marx erinnert, daß es der kommunistischen Revolution
obliegt die Versprechen der bürgerlichen Revolution einzulösen. In der
Einlösung bürgerlicher Versprechen ist man auf Kuba in der Tat weiter
gekommen als in den kapitalistischen Staaten auf dem amerikanischen
Kontinent. In Kuba sind die Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens
mit Heim, Herd und Familie, Bildung und Arbeit und Versorgung in Alter
und Krankheit jedem und jeder zugänglich, während zum Beispiel selbst
nach den offiziellen Zahlen der mexikanischen Regierung jeder zweite
in den ländlichen Regionen in bitterster Armut lebt, und selbst in den
reichsten Länder wie Kanada 62% der Familien mit alleinerziehenden
Müttern (also Familien wie jener, bei der ich in Kuba gewohnt habe) in
Armut leben.
So beeindruckend die Erfolge der kubanischen Gesellschaft ist, jedem
Menschen ein menschenwürdiges Leben bieten zu können, gerade wenn man
die Situation in seinen amerikanischen Nachbarländern sieht und umso
mehr in Hinblick auf die schwierige Situation Kubas als sozialistische
Insel in einem kapitalistischen Weltmarkt, so hat der Sozialismus ja
etwas umfassendere Ziele als nur die bürgerlichen Versprechen
einzulösen. In dem Projekt, den neuen, sozialistischen Menschen zu
schaffen, ist Kuba mit dem alten Problem des autoritären Sozialismus
konfrontiert: Freiheit kann nicht befohlen werden. Wenn man versucht
mit autoritären Mitteln einen kritischen, denkenden Menschen zu
schaffen kommt meistens nicht viel gutes heraus, bzw. doch recht
spießiges Leben in den Familien und Nachbarschaften, ungebrochener
Machismo und Sittenwächter die etwa eine Salsa-Gruppe wegen
unzüchtiger Beckenbewegungen während eines Auftritts auf den
Weltfestspielen für sechs Monate von öffentlichen Auftritten
bannten. Auch in Kuba geht man jeden Tag ab frühmorgens der Lohnarbeit
nach, und auch in Kuba ist der Großteil der wirklich Spaß machenden
Drogen verboten. Allerdings muß man den Kubanerinnen und Kubanern auch
dort zu gute halten, daß ihr Verhältnis zu Drogen und zum Arbeiten
deutlich besser ist als das der US-Amerikaner. In Kuba darf man in den
Gebäuden rauchen und auf den Straßen trinken, und das wird auch
gemacht.
Nach dem Zerfall des realsozialistischen Blocks ist die kubanische
Wirtschaft in eine mehr marktbetonte Ökonomie umgestaltet worden. Das
kann man als Bestätigung der These sehen, daß die realsozialistischen
Länder tatsächlich staatskapitalistisch sind. Der Unterschied zwischen
den Produktionsweisen in den westlich-kapitalistischen Ländern und in
Kuba nicht qualitativ, sondern bloß quantitativ; alle kapitalistischen
Wirtschaftsformen haben gleichermaßen Plan- wie Markt-Elemente. In
Kuba und den anderen sozialistischen Staaten hat der Moment des Plans
überwiegt, während in den westlichen Ländern der Markt betont
wird. Für den arbeitenden, Mehrwert produzierenden Menschen liegt der
Unterschied dann nur noch in darin zu welchen Teilen und unter welchen
Arbeitsbedingungen der von ihm produzierte Mehrwert vom Staat und vom
privaten Kapital abgeschöpft wird, und was mit diesem Mehrwert
geschieht. Gerade im Vergleich mit anderen lateinamerikanischen
Ländern zeigt Kuba hier zwar, was für einen immensen Unterschied es
für die Menschen macht, ob die Gewinne privat abgeschöpft werden oder
wieder in die Gesellschaft fließen, eine grundsätzliche andere
Gesellschaft macht dies jedoch noch nicht.
Das politische System in Kuba ist so ausgerichtet, daß es von den
Nachbarschaften bis zum Parlament eine Vielzahl von staatlich
legitimierten Assoziationen gibt, in denen die Menschen ihre Belange
relativ frei regeln können. Für die Parlamentswahlen stellen die
verschiedenen Organisationen ein Kontingent von Kandidatinnen und
Kandidaten auf, die in geheimen Wahlen gewählt bzw. abgewählt werden
können; wenn eine Kandidatin nicht fünfzig Prozent der Stimmen erhält,
ist sie nicht gewählt. Man sieht dieser Struktur das Bemühen an, eine
sozialistische Demokratie, mit Räten und imperativem Mandat, zu
schaffen. In einer kapitalistischen Weltgesellschaft ist jedoch auch
Kuba den Sachzwängen des Kapitals unterworfen, was eben auch und
gerade heißt, daß das politische System optimale Bedingungen zur
Kapitalakkumulation bereitzustellen hat, und daß die Gesellschaft
immer noch eine Klassengesellschaft ist, in der im Falle Kubas, wo die
Industrie verstaatlicht ist, der imaginäre Gesamtkapitalist Staat mit
dem realen zusammenfällt.
Ein Problem, das alle realsozialistischen Staaten plagte, ist daß
unter der Bedingung der Unmöglichkeit des Sozialismus in einer
kapitalistischen Welt die Diktatur des Proletariats zur Diktatur der
Kommunistischen Partei erstarrt ist. Der Wille eine neue Gesellschaft
ohne Klassengegensätze zu schaffen hat dazu geführt, daß die
systemtragenden gesellschaftlichen Institutionen eine sehr viel
stärkere Rolle im Leben des Menschen haben, als dies in den westlichen
Demokratien der Fall ist. In einem Gesellschaftssystem, das die
Aufhebung der Klassengegensätze anstrebt, jedoch nicht verwirklichen
kann, können gewisse Schutzmechanismen für die Unterdrückten, etwa die
Gewerkschaften in den kapitalistischen Staaten, nicht
funktionieren. Es besteht die Gefahr, daß dies ähnlich wie in China zu
einer Situation führt, in der die Arbeiterinnen und Arbeiter einem
kapitalistisch agierenden Staat schutzlos ausgeliefert sind.
Man kann dem kubanischen politischen System nicht das Potential
absprechen, in einer sozialistischen Weltgesellschaft
aufzugehen. Unter den gegebenen Bedingungen ist es jedoch nicht viel
mehr als eine Variante bürgerlicher Demokratie, in der es nur eine
Partei gibt. Daraus die Forderung nach einem Mehrparteiensystem
abzuleiten wäre kurzsichtig. Eine Umstrukturierung des kubanischen
Systems würde bedeuten sich mit dem bestehenden Zustand der
kapitalistischen Produktionsweise zu arrangieren, während dem
gegenwärtige System sein repressiver und transitiver Charakter, in der
sozialistischen Gesellschaft aufgehoben zu werden, zumindest noch
bewußt ist.
In Kuba kann die Revolution nicht abgewählt werden. Es ist nicht zu
unwahrscheinlich, daß die kubanische KP in freien Wahlen nach
westlichem Muster früher oder später ähnlich abschneiden würde wie
FSLN in Nicaragua, die trotz ihrer Popularität von den Konservativen
aus der Regierung verdrängt wurde. In einem Kuba unter konservativer
oder sozialdemokratischer Führung wären in kürzester Zeit wieder jene
Dritte-Welt-Verhältnisse hergestellt, die in den anderen Ländern
Lateinamerikas und in den vormals sozialistischen Ländern
herrschen. Es fällt schwer der kubanischen Führung vorzuwerfen, daß
sie nicht erlauben die Menschen Kubas ins Unglück zu stürzen, selbst
wenn sich dafür eine Mehrheit in der Bevölkerung finden sollte.
So langweilig die kubanische Parteipresse und das Parteifernsehen auch
ist, und wie beängstigend man den Zugriff der Gesellschaft auf den
Menschen findet, ist das kubanische Gesellschaftssystem jedoch relativ
offen und ungefährlich auch für Oppositionelle. Bei den Gesprächen,
die wir mit Kubanerinnen und Kubaner geführt habe, wurde uns
keineswegs nur die Parteimeinung kundgetan. Wenn man mit verschiedenen
Menschen sprach, bekam man verschiedene Meinungen, auch einige die das
kubanische System rundweg ablehnen. Die systemoppositionelle Szene in
Kuba hat mit allerhand Repression zu kämpfen, und exponierte
Mitglieder sind immer von Gefängnis bedroht. Wenn man die Situation
Kubas jedoch mit der andere Länder Latein- und Südamerikas vergleicht,
kann man zugunsten Kubas festhalten, daß Kuba das einzige Land ohne
staatliche gedeckte Todesschwadrone ist, die Jagd auf Oppositionelle
machen. Aus der Politik der "Bürgerrechtler" aus den anderen formals
sozialistischen Staaten---wie etwa den Damen und Herren Bohley und
Co., die sich vom nun gesamtdeutschen Bundeskanzler Orden für die
erfolgreiche Zerstörung der DDR umhängen lassen---läßt sich der Schluß
ziehen, daß die Einschätzung des "offiziellen Kuba", daß große Teile
der kubanischen Opposition objektiv---und oft auch
subjektiv---konterrevolutionär sind, richtig ist. Die Repression, die
notwendig ist die kubanische Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Form
aufrechtzuerhalten---keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit,
keine Organisationsfreiheit---, untergräbt jedoch das Projekt den
neuen, sozialistischen, also freien Menschen zu schaffen. Es stellt
sich auch die Frage wie abweichende revolutionäre Meinungen in die
Gesellschaft eingebracht werden können.
Die Frage bleibt, ob man der kubanischen Gesellschaft und ihrer
Führung aus der Nichtverwirklichung des Sozialismus einen Vorwurf
machen kann. In einer Welt des Kapitalismus kann es keine
sozialistischen Inseln geben. Die Klassiker haben ganz richtig
festgestellt, daß Sozialismus nur weltweit und vor allem in den
industriellen Staaten durchgesetzt werden kann. Obwohl Kuba mehr und
mehr Errungenschaften der Revolution zurücknehmen muß und die sozialen
Widersprüche in kubanische Gesellschaft wachsen, zeigt Kuba jedoch,
daß es immer noch einen großen Unterschied macht, ob eine staatliche
Führung den Willen zum Sozialismus hat oder die kapitalistische
Privilegienwirtschaft verteidigt; große Unterschiede gleichermaßen für
die Lebensbedingungen der einheimische Bevölkerung wie die
revolutionären Bewegungen weltweit.
Nachtrag:
Die bisherige Reaktion des US-Governments auf unsere Reise war, daß
die ca. 40 Delegiertinnen und Delegierten, deren Reiseziel in den USA
Chicago war, von US-Bundesbeamten am Flughafen abgefangen und für mehr
als vier Stunden, einige bis zu sieben Stunden, verhört worden
sind. Es ging den Beamten dabei vor allem um die Organisationsstruktur
der US-Delegation.