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Mathias Bröckers Antisemitismus

Von Gerd Beuster

Es wird einem ja so allerlei Schwachsinn weitergeleitet. Neulich landete eine Telepolis-Kolmune von Mathias Bröckers in meinem virtuellen Briefkasten. Bröckers ist der Autor von "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9." und damit einer der führenden Verschwörungstheoretiker in Deutschland. Ich habe das zum Anlaß genommen, mich mit der weitergeleiteten Kolumne und einer weiteren weiteren Kolumne von Bröckers, "Die Kosher Conspiracy" ein wenig zu beschäftigen. Ergebnis: Bröckers ist nicht nur ein Spinner, er ist ein antisemitischer Spinner.

In dem ersten Text kann man schon erahnen, wohin die Reise geht, wenn er erklärt, ein gewisser Herr Hitler sei einer der "nette[n] Hurensöhne der USA" gewesen. Letztlich sind es bei Bröckers aber nicht die Amis, die dahinter stecken, sondern eine andere Gruppe. Er erklärt es in "Die Kosher Conspiracy".

Präventiv sichert sich der Antisemit, der nicht Antisemit genannt werden will, ab, indem er die "Holocaust-Keule" rausholt. Die trifft nämlich laut Bröckers "derzeit jeden Nicht-Juden, der Israel und seine Unterstützer öffentlich kritisiert". Was offensichtlich nicht stimmt, schaut man sich die veröffentlichte Meinung an. Im Gegenteil wird man es schwer haben eine Stimme zu finden, die die Politik der israelischen Regierung nicht kritisiert. Aber um die reale Beschaffenheit der Welt bzw. hier der veröffentlichten Meinung geht es Bröckers nicht. Es geht ihm um die Immunisierung gegen jene Diagnose, die einer Analyse seiner Halluzinationen notwendigerweise folgt - nämlich, dass ihr Autor ein Antisemit ist.

Nach dieser Absicherung demonstriert Bröckers die typische Argumentation von Verschwörungstheoretikern: Sie fangen ihre Rekonstruktion der Vorgänge nicht bei den realen Geschehnissen an, sondern bei der gewünschten Conclusio. Zunächst wird also geklärt, wer dahinter steckt, dann werden die Fakten (bzw. die Lügen und Halbwahrheiten, die man in diesen Kreisen gerne als Fakten ausgibt), entsprechen zurecht gelegt.

Bröckers fängt also von hinten an:

"'Cui bono?' - bezieht man knapp ein halbes Jahr nach den Anschlägen diese Frage auf die Länder und Regierungen, denen sie genützt haben, bleiben nur zwei: USA und George Bush sowie Israel und Ariel Sharon. Nun wäre es wahrlich ein zu kurzer Schluss, diesen beiden schon deswegen eine Mittäterschaft zu unterstellen, weil sie die Hauptprofiteure sind. Bei der Frage nach einem Motiv für die Tat jedoch, die für jeden Kriminalisten bei der Erstellung von Täterprofilen zentral ist, müssten Bush und Sharon auf der Liste der Verdächtigen mittlerweile ziemlich oben stehen."

Nun wäre hiergegen schon einzuwenden, dass jeder Verschwörer die Möglichkeit miteinbeziehen muss, dass seine Verschwörung aufgedeckt wird. Nehmen wir also mal für eine Sekunde an, Bröckers hätte nicht nur recht, sondern könnte seine Behauptungen auch belegen. Eine gewagte Vorstellung, zugegeben. Welche Konsequenzen hätte es für das amerikanisch-israelische Verhältnis, fände man heraus, dass die israelische Regierung für die Anschläge des 11. September verantwortlich wäre? Bekanntlich ist die USA der einzige Staat, auf dessen Unterstützung sich Israel verlassen kann. Die USA ist der Staat, ohne dessen tatkräftige Unterstützung sich Israel nichtmals mittelfristig gegen seine Feinde behaupten könnte. Die USA ist die letzte verbliebene Weltmacht, deren militärisches Potential ausreicht, jeden Gegner innerhalb von Wochen zu vernichten. Ein israelisches Komplett würde also nicht weniger als die Existenz Israels aufs Spiel setzen. Und was wäre Israels Gewinn? Gegen die Palästinenser etwas freiere Hand zu haben? Das steht doch wohl in keinem Verhältnis zum Einsatz.

Der denkende Mensch, selbst wenn er denn unbedingt die Täter finden wollte, ohne sich vorher die Beweislage anzusehen, würde also an dieser Stelle nach anderen Tätern suchen. Das tut Bröckers aber nicht. Denn der Antisemit weiß, dass es immer die Juden sind, immer die Juden sein müssen, die schuld sind. Selbst ein eindeutig antisemitisch kodierter Anschlag wie der auf das World Trade Center muss den Juden in die Schuhe geschoben werden.

Irgendwann kommt selbst einer wie Bröckers an den Punkt, wo er mal Beweise für seine Thesen auf den Tisch legen müsste. Das liest sich dann so:

"Aus FBI-Kreisen erfuhr Fox-Reporter Carl Cameron [...]: 'Die Fahnder haben den Verdacht, dass die Israelis Informationen über die Attacken gesammelt und nicht weitergegeben haben. Ein hochrangiger Untersuchungsbeamter sagte, dass es 'Verbindungen' gäbe. Aber gefragt nach Einzelheiten verweigerte er weitere Auskünfte und sagte, 'die Beweise über die Verbindung dieser Israelis zum 11.9. seien klassifiziert. Ich kann über die Beweise die zusammengetragen wurden keine Auskunft geben, das sind geheime Informationen.''"

Ihr seht schon an dem Zitat, dass mir die korrekten Anführungszeichen ausgehen - so oft wird da jemand zitiert, der jemanden zitiert, der angeblich gesagt hat, dass er etwas vermutet, aber keine Belege angeben kann, weil das alles klassifiziert ist. Mit anderem Worten: Nichts als heiße Luft. Durchaus interessant ist aber, aus wessen Hintern diese heiße Luft entfleucht ist. Da wird also ein Fox-Reporter zitiert. Fox, das ist der ultrarechte Sender in den USA, der es in Deutschland zu einiger Bekanntheit gebracht hat, als er ein Foto von einer Friedensdemo beuntertitelte: "Hitler's Childern: Pro-Saddam rally in Berlin". Es handelt sich also um ein Medienprodukt, gegen das selbst die BILD-Zeitung wie eine Ausgeburt des seriösen Journalismus und der politischen Ausgewogenheit wirkt. Als Fundstelle für dieses Zitat weist Bröckers die Website http://www.rense.com/ aus. Diese Website beglückt uns ansonsten mit Artikeln wie "More Evidence Mossad Killed JFK Over Israeli Nukes", "Who Is Ernst Zundel And Why Is He In Jail?", "Betty Hill - The Grandmother Of Ufology", "Zio-Naziism Dominates US Seats Of Power".

Ein Zufall, dass Bröckers aus den Quellen des tiefbrauen esoterisch-ufologischen Milieus schöpft? Nein, er passt da bestens rein. "Mach dir keine Sorgen über amerikanischen Druck auf Israel. Wir, die jüdischen Leute, kontrollieren Amerika, und die Amerikaner wissen es." Das ist noch kein Zitat aus den "Protokollen der Weisen von Zion". Zu denen kommt Bröckers erst ein paar Sätze später. Das ist Bröckers persönliche, aktualisierte Version. Die Rolle der "Weisen" wird hier den israelischen Politikern Peres und Sharon zugewiesen. Jetzt ist Bröckers endlich ganz bei sich:

"Dieses, von Sharons Sprecher später im Wortlaut nicht bestätigte Zitat, das in einer Radiodebatte am 8.Oktober gefallen sein soll, gibt Wasser auf die klassische Mühle der 'jüdischen Weltverschwörung' und der im muslimischem wie im westlich-rechtsradikalen Spektrum nach wie vor laufenden Propaganda der 'Protokolle der Weisen von Zion'.

Doch eingedenk des Hinweises von Hannah Arendt, dass Hitler letztlich zu einem 'Schüler' der von ihm als Propagandainstrument eingesetzten Verschwörungstheorie wurde [...] können wir auch die Politik Sharons besser verstehen, die er 'mehr oder weniger bewusst' nach dem Modell von Hitler durchzuziehen scheint."

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Nachdem - siehe Anfang - Bröckers klar gemacht hat, dass Hitler eine Kreatur der USA war, haben wir jetzt auch den Hitler von heute identifiziert: Ariel Sharon. Wobei Sharon nicht nur die Pläne Hitlers umsetzt, sondern die der "Weisen von Zion" gleich noch dazu. Denn merke: An allem sind immer und grundsätzlich die Juden schuld. Dabei spielt es keine Rolle, wenn vermeintliche Beweise offensichtliche Fälschungen sind:

"Wie sehr das ganze Dasein dieses Volkes auf einer fortlaufenden Lüge beruht, wird in unvergleichlicher Art in den von den Juden so unendlich gehaßten 'Protokollen der Weisen von Zion' gezeigt. Sie sollen auf einer Fälschung beruhen, stöhnt immer wieder die 'Frankfurter Zeitung' in die Welt hinaus; der beste Beweis dafür, daß sie echt sind. Was viele Juden unbewußt tun mögen, ist hier bewußt klargelegt. Darauf aber kommt es an. Es ist ganz gleich, aus wessen Judenkopf diese Enthüllungen stammen, maßgebend aber ist, daß sie mit geradezu grauenerregender Sicherheit das Wesen und die Tätigkeit des Judenvolkes aufdecken und in ihren inneren Zusammenhängen sowie den letzten Schlußzielen darlegen."

Dieses Zitat stammt ausnahmsweise nicht von Bröckers, sondern von einem anderen Deutschen, der eventuell Antisemit gewesen sein könnte: Adolf Hitler.

Bröckers schließt mit:

"Wer heute auf die faschistischen Tendenzen der USA aufmerksam macht, wird als 'Anti-Amerikaner' ins Abseits gestellt wird, und wer Israels Bruch des Völkerrechts kritisiert, erhält als 'Antisemit' umgehend die rote Karte. Das Meinungsklima, es ist ganz ähnlich wie in Deutschland nach 1933, als Kritiker des Faschismus wegen 'undeutscher Umtriebe' aus dem Verkehr gezogen wurden."

Da sitzen sie in den amerikanischen KZs und den israelischen Vernichtungslagern und warten auf ihre Vergasung, die Bröckers und ihre Freunde in der deutschen Friedensbewegung.

Bildungslücken und die Unfähigkeit, Texte kritisch zu rezipieren, reichen nicht aus, um zu erklären, warum Bröckers und Co. bei einem sich kritisch dünkendem Publikum so einen Erfolg haben. Entscheidend für ihren Erfolg ist auch, dass die Texte die Ressentiments des Publikums bestätigen. Die Amis und die Juden sind ein barbarischer und weltbeherrrschender Haufen. Außerdem bekommt das Publikum das Gefühl, schwer den Durchblick zu haben, weil es über quasi "geheime" Informationen (bzw. das, was es dafür hält) verfügt.