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Auf Indymedia wurde letztens ein Bericht über eine Demo gegen Software-Patente vor dem europäischen Patentamt in Berlin veröffentlicht. Darauf entspannte sich eine Diskussion über Software-Patente, Freie Software, Kapitalismus und Kommunismus. Ich habe ein bißchen mitgemischt. Hier habe ich die Diskussionsbeiträge dokumentiert, die mir relevant erscheinen.
Neoliberaler Programmpunkt
Von: doesn't mind 23.09.2003 12:40
Ihr wisst schon, dass es sich bei der Ablehnung von Patenten (nicht nur bei Software) um einen klassisch neoliberalen Programmpunkt zur Monopolkontrolle handelt. Ziel ist es, von der Seite des Staates durch Monopolkontrolle Wettbewerb zu erzwingen. Das hier das allgemeine Wohl und die individuelle Freiheit in der allgemeinen Konkurrenz bestehen soll, der im Unterschied zum Liberalismus aber jedes utopische Moment genommen ist. Wisst ihr doch, oder?
Nicht, das ich mit diesem Hinweis für Softwarepatente plädiere, obwohl mir die Unmittelbarkeit der Vergleichung der Arbeitskraft im Fall von GNU-Software alles andere als geheuer ist (da steckt ungemein viel repressives Potential drin), ich wollte aber nur darauf aufmerksam machen, dass das, was heute unter Kritik der neoliberalen Globalisierung so läuft, nicht einmal zu kurz gegriffene Kapitalkritik ist (das ist gewerkschaftliche Organisierung mit der immanenten Forderung nach möglichst hohen Löhnen), sondern schlichtweg affirmativer Unsinn, der nicht einmal den gesellschaftlich-historischen Kontext, in dem agiert wird, zu betrachten in der Lage ist. Denn was bei den Programmierern (in der Regel ohne grosses I), die gegen die Patente demonstrieren, noch als problematische, weil auf individueller Selbstüberschätzung basierende Interessenvertretung durchgehen kann, wird durch die Beteiligung von attac, die explizit "den Neoliberalismus" zugunsten eines fiktiven Wohlfahrtsstaates zurückdrängen möchten, zur Lachnummer.
Wollte ich nur gesagt haben. Denkt dran wenn ihr den nächsten attac-Infostand seht.
Re: Neoliberaler Programmpunkt
Stephan Uhlmann 23.09.2003 14:18
@doesn't mind: Hier geht es um Freiheit. Die Freiheit, eine Idee die man hat, auch nutzen zu dürfen. Wir haben nicht einfach so umsonst "Die Gedanken sind patentiert" gesungen.
Diesen Quatsch von wegen Neoliberalismus interpretierst du rein, wo nix nicht ist. Glaubst du die ganzen Open Source/freie Software Programmierer sind alles neoliberale Kapitalisten? Schlimmer noch: Dein "wollte ich nur gesagt haben" hält vielleicht den einen oder anderen ab sich zu engagieren, weil er/sie befürchtet in "diese Ecke" gestellt werden zu können.
Ich kann aber an Monopolen auch nix gutes finden. Ich bin froh, ein alternatives Betriebssystem nutzen zu können, statt mich den Schikanen von Microsoft unterwerfen zu müssen. Die Legalisierung von Softwarepatenten könnte dem aber ein Ende bereiten, denn nur grosse Konzerne, die sich grosse Rechtsabteilungen leisten können und Patente als "Waffe" gegenüber Konkurrenten (KMU, Open Source) benutzen, hätten davon einen Vorteil (abgesehen von den Patentanwälten, die dann auch ein gutes Auskommen hätten).
Bzgl. "individueller Selbstüberschätzung": Danke für die Blumen. Das Thema betrifft aber nicht nur Programmierer, denn Software taucht inzwischen in allen möglichen Lebensbereichen der Menschen auf. Z.B. das Web, Email, Internet allgemein sind ja schon lange keine Spielwiese von ein paar Computer-Spinnern mehr. Im Gegenteil, so ziemlich alle Initiativen sind darauf zur Informationesverbreitung und Organisation angewiesen. Die wenigsten würden wohl allein die Androhung einer Abmahnung und die Lizenzkosten überstehen.
Zum Abschluss empfehle ich dir, mal
http://patinfo.ffii.org/ als
Einstieg zum Thema zu lesen.
e-Mail:: su@su2.info
Soso...
Zapata 23.09.2003 16:23
Doesn't mind, du bist wirklich ein Armleuchter.
Ich arbeite sehr viel mit Musiksoftware und da gibt es bekanntlich viele unterschiedliche Programme für allerlei Anwendungen.
Es gibt aber ein paar wenige deren Stärke es ist, sämtliche Innovationen und nützlichen Features anderer Software zu vereinen und das wird es dann definitiv nicht mehr geben. Du kaufst dir dann 1 Million verschiedene Programme von denen jedes absolut unterschiedliche Features hat und jedes einzelne wird unendlich teuer werden. Und wenn es welche gibt die alle Features haben dann werden diese so teuer sein dass sie sich niemand mehr für's Hobby leisten kann.
Ganz abgesehen davon gibt es bereits internationale Software-Patente, die bisher aber von der EU nicht anerkannt werden (glücklicherweise!).
Beispielsweise hat die Firma Sharp ein Patent auf "Text farblich markieren". Willst du für Textverarbeitungs-Software hunderte von Euro zahlen? Also ich finde das ist alles schon teuer genug.
Die ganze Open-Source-Gemeinde wird brach liegen (die Textverarbeitung Open-Office zum Beispiel garantiert, weil man da "Text markieren kann" ganz zu schweigen von dem Microsoft-Word Look&Feel).
Denk mal einfach genauer darüber nach, bevor du solche Pamphlete veröffentlichst.
Nur weil Attac da mitmacht ist die Sache noch lange nicht schlecht!
@ Stephan Uhlmann und Zapata
doesn't mind 23.09.2003 18:02
Stephan Uhlmann schreibt: "Glaubst du die ganzen Open Source/freie Software Programmierer sind alles neoliberale Kapitalisten?". Genau hier liegt ein systematisches Missverständnis vor. Die neoliberale Theorie ist keine vom Standpunkt einzelner (großer) Kapitalisten vertretene Theorie, sondern formuliert aus der Position des Kapitals als gesellschaftliches Verhältnis als solches. Aus dieser Perspektiv tritt er beispielsweise für antimonopolistische Politik ein, weil Monopole den Wettbewerb, also die permanente Konkurrenz aller gegen alle, behindern. Plädiert wird die dauernde unmittelbare Vergleiche der Leistungsfähigkeit der Arbeitskraft und der Arbeitskraft verwertenden ProduktionsmittelbesitzerInnen. Zum Ergebnis hat das verschärfte Produktivierung der Arbeitskräfte. Alle sollen permanent Leisten, niemand soll sich "auf seinen Lorbeeren ausruhen" dürfen, wie es dann heißt. Patente stehen diesem dauernden Vergleich entgegen, weil diejenigen, die das Patent halten, nicht mit allen konkurrieren müssen, die technisch in der Lage sind, es anzuwenden. Bei entsprechender klassenkämpferischer Perspektive (Achtung, hier kommt jetzt die verkürzte Kapitalismuskritik!) bietet ein Patent denjenigen ArbeiterInnen, die bei einer Firma mit Patent arbeiten, die Basis für höhere Lohnforderungen.
Das mit der "auf Selbstüberschätzung basierenden Interessenvertretung" ist so gemeint, dass diejenigen ProgrammiererInnen (die KonsumentInnen werden weiter unten behandelt), die gegen Patente agieren, meinen, mit der freien Verfügbarkeit jeder Information bereits die Produktionsmittel für ihre zukünftige Tätigkeit zu besitzen. Frei nach dem Motto "Jeder ist seines Glückes Schmied", dessen Quelle von der Quelle von "Die Gedanken sind frei" nicht allzu weit entfernt ist (das ist alles Selbstidealisierung des frühen Bürgertums) träumen sie von Bedingungen, unter denen ihre Privatinitiative, ihre Kreativität und all die Dinge, die so in Managermagazinen als Schlüsselqualifikation für eigenständig unterworfene Arbeitskräfte genannt werden, ihnen zur Quelle ihres Glücks werden könnte. Real sind diese Produktionsmittel, von denen niemand leben kann, aber nur Quelle steten Verwertungszwangs, weil der Charakter der Produktionsmittel ihre BearbeiterInnen sie immer wieder zur gesellschaftlichen Produktion zurückführen wird.
Das die BefürworterInnen der Patente nicht besser sind, weil sie sich ihr Glück demgegenüber durch den Erwerb eines Patents schmieden möchte bzw. durch die Auslieferung der eigenen Arbeitskraft an eine Firma, die eins hat, verweist darauf, dass eine "Kapitalismuskritik", wie attac sie liefert, nicht nur in sich widersprüchlich ist, sondern nur noch Affirmation. Wer gegen Patente agtiert, kann nicht gleichzeitig gegen "Neoliberalismus" sein. Wer wie Stephan Uhlmann kritisiert, dass "Patente als "Waffe" gegenüber Konkurrenten (KMU, Open Source)" benutzt werden könnten, wovon dann große Konzerne "einen Vorteil [hätten]" plädiert für immerwährende Konkurrenz, die niemand sondern nur dem großen Ganzen der Verwertung zum Vorteil gereicht. Genau das ist neoliberal und kann auch "Arbeit statt Profite" abgekürzt werden. Das ist und bleibt reaktionär. Das im privaten Profit der Reichtum in falscher Form vorliegt, macht diese Konsequenz nicht besser.
Diejenigen, die als KonsumentInnen wie Zapata sich Vorteile von dauerndem Wettbewerb versprechen, vergessen, dass zahlungskräftige KäuferInnen immer vorher gearbeitet haben müssen. KonsumentInnenbewußtsein ist neoliberales Bewußtsein par excellence. Mach doch bitte du (Zapata) dir keine Gedanken über die Kosten der Textverarbeitung. Das sind die deines Chefs. Bei der Textverarbeitung beim Job sowieso und bei der zuhause auch. Solange Textverarbeiten zur gesellschaftlich notwendigen Reproduktion gehört (und das tut sie heute in breiten Kreisen), mußt du halt dafür kämpfen dass du genug Lohn bekommst, um sie zu bezahlen. Denn für die Reproduktion der Arbeitskraft auf gesellschaftlich gültigem Niveau gibts Lohn. Das du davon abhängig bist, ist der Skandal, aber die unmittelbarere Vergleichung deiner Arbeitskraft vergrößert nur diese Abhängigkeit. Wer sich Sorgen um seine Reproduktion am Preis der Waren und nicht an der Höhe des Lohns macht, nimmt schon Zustände vorweg bzw. entskandalisiert sie (denn sie herrschen bereits, weltweit sowieso), in denen diese Reproduktion eben nicht gesichert ist. Solche Zustände nennen sich dann autoritäre Krisenlösung, da wird dann überlegt, ob alte Menschen nutzlose Esser sind, ob Sozialhilfe denn sein muss, ob da nicht irgendwer "uns Tüchtigen", die wir all unseres Glückes Schmid sind, mit fiesen Methoden um unser wohlverdientes Irgendwas bringt etc. Wer mehr Beispiele braucht, schaue in Bild, Spiegel, taz, ...
Am Ende ein Rat im Guten: Wenn Textverarbeiten dein Hobby ist, du den Arbeitszwang also auch noch in der Freizeit fortführst, solltest du dich vielleicht fragen, ob du auf Steineklopfen umsteigen solltest, bevor ich das Patent auf "den Hammer von oben nach unten schwingen" anmelde.
@doesn't mind
Gerd 24.09.2003 10:37
Zunächst ist die Ablehnung von Patenten mitnichten ein "klassisch neoliberalen Programmpunkt zur Monopolkontrolle". Tatsächlich ist die Idee von Patenten gerade das Entegengesetzte: Durch Patente sollte dem Erfinder (bzw. präziser: dem Besitzer der Erfindung) ein temporär beschränktes exklusives Nutzungsrecht eingeräumt werden, im Gegenzug musste die Erfindung aber öffentlich gemacht werden und nach Ablauf des Schutzzeitraums Allgemeingut werden. Es sind also eigentlich die Patente, die der "Programmpunkt zur Monopolkontrolle" sind.
Wir können - und das tun die Gegner von Softwarepatenten - nun darüber diskutieren, ob Patente diese Funktion erfüllen oder ob sie da nicht absolut kontraproduktiv geworden sind. Das transzendiert noch nicht das kapitalistische System, kann aber einerseits zu durchaus wünschenswerten Sozialreforemen führen (was ja in keinerlei Widerspruch zur Überwindung des Systems steht - im Gegenteil), und zum anderen exemplifizieren, wieso das System so funktioniert, wie es funktioniert.
Was Du allerdings überhaupt nicht verstanden hast ist der Charakter von freier Software. Wir reden hier nicht über Arbeitsmittel, die wir im Rahmen unserer Lohnarbeit benötigen. Wir reden hier nicht darüber, die Lohnarbeit in der Freizeit fortzusetzen. Wir reden hier über nicht weniger als den Unterschied zwischen Lohnarbeit im Kapitalismus und Arbeit im Kommunismus. Freie Software wird kommunistische produziert - jeder trägt nach seinen Fähigkeiten zu ihr bei, jeder darf sie nach seinen Bedürfnissen nutzen. Mit freier Software findet also tatsächlich eine Transzendierung der kapitalistischen Arbeitsverhältnisse statt. Hierzu bedarf es jedoch sowohl ökonomischer als auch politischer Grundlagen. Ökonomisch muss ich die finanzielle und zeitliche Freiheit haben, freie Software schreiben zu können, politisch muss ich die rechtliche Freiheit hierzu haben. Softwarepatente sind ein Angriff auf die politische Freiheit, freie Software produzieren zu können. Dadurch ist der Kampf gegen Softwarepatente ein Kampf für den Kommunismus (oder wegen mir: für die Anarchie): Es geht um die Erkämpfung und Verteidigung der Möglichkeiten, kommunistisch zu produzieren.
Nicht klar ist mir, was Du mit "Unmittelbarkeit der Vergleichung der Arbeitskraft im Fall von GNU-Software" meinst und inwiefern das potentiell ungemein repressiv ist. Könntest Du das bitte nochmal erläutern?
e-Mail:: gerd@frombelow.net Homepage:: http://frombelow.net
@Gerd
doesn't mind 24.09.2003 14:21
Zunächst einmal zu der realen Funktion von Patenten: Das sie anders gedacht waren, mag schon sein, aber gewirkt haben sie meines Wissens so nie und bei einer Entwicklungsgeschwindigkeit, wie sie die Softwareentwicklung an den Tag legt, wird das auch garantiert nicht anders werden. Aber darüber brauchen wir uns wohl nicht zu streiten, denn einerseits gestehst du das ja zu und zum anderen ändert das nichts daran, dass die neoliberale Einschätzung die gleiche ist. Denn wenn ich dich richtig verstehe, meinst du einfach, das die dynamisierende Wirkung auch schon bei den Patenten der Sinn der Sache war, weil die ErfinderInnen ihre Erfindungen ansonsten komplett für sich behalten hätten. Insofern also ein Handel nach dem Motto "Ok, ich rücke die Information heraus und bin dann geschützt vor der Gefahr, dass die Konkurrenz mein neues Verfahren durch Industriespionage, Reengeniering oder sonstwie heraus bekommt und dann mein Vorteil in der Konkurrenz komplett dahin ist." Die Einschätzung hat was für sich, spielt aber hier keine Rolle weil der Effekt eben nicht eingetreten ist. Das Kapitalverhältnis drängt eben nicht aus der Logik des Produktionsprozesses und der technischen Beschaffenheit des Kapitals zur Zentralisierung, sondern den Gesetzen der Verwertungsprozesses nach.
Also zu den schwierigeren Fragen: Zunächst einmal der Hinweis, dass ich von etwas den Kapitalismus Transzendierendem gar nicht gesprochen habe. Im Gegenteil habe ich behauptet, dass eine "Kapitalismuskritik" wie sie attac liefert nicht einmal mehr verkürzte Kapitalismuskritik (=reformistische Gewerkschaftsarbeit) ist, sondern gänzlich affirmativ. Das sah ich bestätigt durch das offensiv an den Tag gelegte KonsumentInnenbewußtsein von Zapata.
Reden wir aber trotzdem über das, was der "Unterschied zwischen Lohnarbeit im Kapitalismus und Arbeit im Kommunismus" sein soll. Das freie Software nicht kommunistisch produziert wird, liegt m.E. zunächst einmal daran, dass Kommunismus nicht als eine Art zu Arbeiten zu bestimmen wäre, sondern als Prozess der allgemeinen (!) Aufhebung des Arbeitszwangs. (Letztere Formulierung, damit wir uns nicht a la Krisis darum streiten müssen, ob nun Arbeit oder Lohnarbeit abgeschafft gehört.) Wenn du formulierst, dass freie Software heute kommunistisch produziert wird, unterschlägst du zum einen, das diejenigen, die sie produzieren, diesem Zwang zur Arbeit (zunächst einmal, zum repressiven Potential der unmittelbaren Vergleichung später) unverändert weiterhin unterliegen. Gleichzeitig sagst du es im Prinzip selbst, wenn du zugestehst, dass diese Freiheit zusätzlich (!) noch ökonomischer und politischer Grundlagen bedarf. Will heißen, die Freiheit vom Zwang, den das der freien Software zugrundeliegende "Produktionsverhältnis" (in Anführungszeichen, ich würde eben von keinem eigenen sprechen) beinhalten soll, muss diesem komplett äußerlich garantiert werden (ökonomisch und politisch).
Du bestimmst Kommunismus durch eine bestimmte Art der Zusammenarbeit bzw. der Nutzung, also "jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen". Zunächst einmal nehme ich an, dass du zustimmen wirst, dass dies erst dann eintreten kann, wenn der Zwang zur Arbeit allgemein nicht mehr existiert. Betrachten wir also diese beiden Kriterien im Hinblick auf eine (von dir unterstellt) Möglichkeit, diesen Zwang aufzuheben. Jeder nach seinen Fähigkeiten ist dabei zunächst einmal nichts anderes als die Fortschreibung der Arbeitsteilung, also jeder kapitalistischen Produktion bereits eigen. Auch im Stahlwerk arbeiten alle nach ihren Fähigkeiten. Eine Differenz stellte sich erst dann heraus, wenn es keinen Zwang zum Erwerb bestimmter Fähigkeiten gäbe. Aus der Art der Zusammenarbeit kann sich der Wegfall des Zwangs also nicht ergeben. Was bei freier Software wirklich neu ist ist der allgemeine Zugang zu den Produkten (!) der Arbeit, weshalb sich in Bezug auf die Bedürfnisse tatsächlich etwas ändert. Sind die Produkte nicht frei, ist die Bedürfnisbefriedigung über die Zahlungsfähigkeit derjenigen, die sie haben, begrenzt. Entfällt dadurch der Zwang?
In Bezug auf diejenigen, die die so produzierte Software als Produktionsmittel benötigen, tut er das. Jede neue Entwicklung ist als Produktivkraftsteigerung unmittelbar Allgemein und ökonomisch soetwas wie eine Naturressource.Verallgemeinerbar ist dieser Wegfall allerdings nicht, weil zwar der Autohersteller für seine Software nichts bezahlt, aber umgekehrt niemals der Softwarehersteller für sein Auto, die bei dir unter kommunistischen Bedingungen Produzierenden also immer wieder auf den allgemeinen Zwang verwiesen bleiben. (Sag jetzt bitte nicht es brauchen ja auch nicht alle eine Auto, bei der Butter ists genauso.) Der Grund ist der, das der "Wegfall des Zwangs" über die technische Liquadation des Warencharakters der Ware vermittelt ist (Zapata hat eindrucksvoll demonstriert, wie dabei der Fetischcharakter erhalten bleibt) und nicht über die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse, sprich die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Hieraus ergibt sich, dass "diese Produktionsmittel, von denen niemand leben kann, [...] nur Quelle steten Verwertungszwangs [sind], weil der Charakter der Produktionsmittel ihre BearbeiterInnen immer wieder zur gesellschaftlichen Produktion zurückführen wird."
Wir reden also notwendigerweise über Arbeitsmittel, was Du übrigens implizit auch wieder selbst schreibst: "Freie Software wird kommunistische produziert - jeder trägt nach seinen Fähigkeiten zu ihr bei, jeder darf sie nach seinen Bedürfnissen nutzen." Die Formulierung "nutzen" ist völlig korrekt, soetwas wie konsumieren oder aufbrauchen, also alles das, was auf Dinge gesellschaftlichen Reichtums zutrifft, an denen der Warencharakter nicht liquidiert ist, macht keinen Sinn. Höchstens bei Computerspielen, aber selbst da gehts nicht auf. Gleichzeitig macht das aber auch den Charakter dieser Produkte deutlich: Ihre Nützlichkeit verweist wiederum auf (offensichtlich tief im Bedürfnis vergrabene) Notwendigkeit, die sich aus der momentanen Organisation der Gesellschaft ergibt. Das heißt nicht, das m.E. im Kommunismus keine Software gebraucht wird, ganz im Gegenteil, es ist nur ein Plädoyer dafür, in den richtigen (arbeitswertkritischen) Kategorien über sie zu sprechen. Alles andere affirmiert den zweckrationalen Zusammenhang der Produktion. Das ist mein Vorwurf gegenüber attac (an diesem Punkt, ich habe da noch ein paar mehr), daher die Polemik mit dem Steineklopfen.
Ich denke, das mit der Unmittelbarkeit der Vergleichung der Arbeitskraft hat sich jetzt schon ein wenig geklärt. Weil jede neue Entwicklung als Produktivkraftsteigerung unmittelbar Allgemein und ökonomisch soetwas wie eine Naturressource ist, fällt auch die Arbeitkraft, die sie hervorbringt, immer wieder in den Zustand zurück, der der Aufklärung der Naturzustand war. Und da ist bekanntlich der Mensch des Menschen Wolf. Es entfällt der veräußerbare Rechtstitel am Produkt der eigenen Arbeit, d.h. diejenigen, die im Auftrag irgendeiner Firma GPL-Software produziert haben, erscheinen nicht privatrechtlich vermittelt ihrem Auftraggeber als Arbeitskraft (da sind sie Dienstleister), sondern der Gesellschaft als solches. Gesellschaft heißt hier selbstverständlich nicht "uns allen" sondern meint klassisch marxistisch den sozialen Inhalt der Kapitalverwertung, und der besteht nun mal in der Vergleichung der Arbeitskraft und damit in der Reduktion der Arbeit auf "abstrakt menschliche Arbeit". Und der gegenüber läßt sich nicht fordern, mehr Lohn schon mal gar nicht. Bezogen ist der Mensch dieses Naturzustandes nicht auf private Einzelsubjekte, sondern auf den Staat und genau dieser Wechsel des Bezugpunkts, der historisch zur Inkorporierung des Staates in Subjekt geführt hat, macht die Differenz zwischen Liberalismus und Neoliberalismus auf. Und dass das Kommando des Staates über die Arbeitskraft repressiv ist, ergibt sich denke ich von selbst.
Hoffe, zum Verständnis beigetragen zu haben.
video & bericht von der demo aus wien
flo 24.09.2003 15:23
gibts hier:
http://at.indymedia.org/front.php3?article_id=30121&group=webcast
e-Mail:: flo@kanalB.de Homepage:: http://kanalB.at
@doesn't mind
Gerd 25.09.2003 09:38
Du schreibst, dass auch Produzenten freier Software dies unter den Bedingungen der Lohnarbeit tun und man deshalb nicht kommunistischer Produktion rede kann. Solange wir in einer kapitalistischen Weltgesellschaft leben, gilt das aber ausnahmslos für jede Tätigkeit. Egal, ob wir jetzt im Debattierklub linke Theorie wälzen, auf Kuba Zuckerrohr schlagen, ein Haus besetzen oder die reichen Säcke (tm) ausrauben - wir unterliegen in jedem Fall der Totalität des kapitalistischen Systems. Bei jeder dieser Tätigkeiten kann man nur fragen, inwiefern sie potentiell oder real geeignet sind, über das Bestehende hinauszuweisen. Freie Software ist so kommunistisch, wie die frühen Händler und Fabrikbesitzer unter feudalen Bedingungen kapitalistisch gewirtschaftet haben. Es fand im Kontext und unter den Zwängen des alten Systems statt, aber die Art, wie sie arbeiteten, wies über das System hinaus.
Bei freier Software kommt hinzu, dass bei ihrer Produktion das Lohnarbeitsverhältniss nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist. Für die Produktion freier Software bezahlt werden Leute im akademischen Bereich (wo die Software ein Nebenprodukt der Forschung ist) und in sehr geringem Umfang in der Industrie. Der überwiegende Teil freier Software wird aber nicht in einem Lohnarbeitsverhältnis, sondern in der Freizeit produziert. Deine an Zapta gerichtete Polemik in Sachen "freiwillig Steine klopfen" geht da an der Sache vorbei, weil es nicht der internalisierte Zwang ist, der die Menschen sogar noch in ihrer Freizeit "produktiv" (im Sinne des Kapitals) tätig werden läßt, sondern das reale Bedürfnis, seine Umwelt in freier Selbstbestimmung nach seinen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Behaupte ich jetzt einfach mal so.
Auch die Tatsache, dass die Freiheit, freie Software zu schreiben, politischer und ökonomischer Grundlagen bedarf, lässt sich nicht dagegen wenden, denn auch sie gilt für absolut jede Tätigkeit. Weswegen wir gut daran tun, sowohl ökonomisch (höhere Löhne usw.) als auch politisch (Bürgerrechte usw.) zu kämpfen, selbst wenn es erstmal nur Freiräume im Bestehenden vergrößert.
Du stimmst zu, dass der freie Zugang zu den Produkten der Arbeit tatsächlich einen Unterschied macht, weil hier die Kopplung der Bedürfnisbefriedigung an die Zahlungsfähigkeit aufgehoben wird. Ergänzen möchte ich, dass es nicht nur um den Zugriff auf die Produkte geht, sondern auch um die Freiheit geht, sie so nutzen zu können wie man möchte. Bei diesen Streitpunkten in Sachen Software ist ein zentraler Punkt, ob man sie nur im Rahmen enger Lizenzbedingungen nutzen darf oder tatsächlich mit ihnen machen darf, was man will, also auch kopieren, weitergeben, verändern.
Du schreibst, dass der freie Zugang zu Produkten nicht verallgemeinerbar ist, weil niemand ein Auto der ein Stück Butter umsonst rausrücken wird. Software, ebenso wie Musik, Filme, Wissen, ist nun ein Gut, dass sich tatsächlich besonders für den freien Austausch eignet, weil es, einmal produziert, beliebig reproduzierbar ist. Letztlich ist es aber bei allen Gütern, ob jetzt bei Software, bei Autos oder bei Butter, eine Frage der gesellschaftlichen Machtverhältnisse, ob sie marktförmig oder frei zugänglich sind. Das ist nicht zuletzt eine Frage der sozialen Kämpfe - bei der Gesundheitsversorgung, der sozialen Absicherung oder bei Software(-ideen).
Du kritisierst, dass der Wegfall des Zwangs Software zu kaufen über die "technische Liquidation des Warencharakters der Ware vermittelt wird [...] und nicht über die Revolutionierung der Produktionsverhältnisse, sprich die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln." Es ist eine undialektische Herangehensweise, die Revolutionierung der Produktionsmittel von der Revolutionierung der Produktionsverhältnisse zu trennen. Die Revolutionierung der Produktionsmittel, wie u.a. im Bereich freier Software stattfindet, kann teilweise innerhalb der alten Produktionsverhältnisse in Wert gesetzt werden, treibt aber über sie hinaus. Auf die Dauer werden die alten Produktionsverhältnisse zum Hemmnis und damit obsolet.
Weiter schreibst Du, "diejenigen, die im Auftrag irgendeiner Firma GPL-Software produziert haben, erscheinen nicht privatrechtlich vermittelt ihrem Auftraggeber als Arbeitskraft (da sind sie Dienstleister), sondern der Gesellschaft als solches. [...] Und der gegenüber läßt sich nicht fordern, mehr Lohn schon mal gar nicht."
Wenn das so ist, ist das so. Wenn Aufgrund der Entwicklung der Produktionsmittel der Wert der Arbeit(-skraft) in einem bestimmten Produktion ssektor unter ein erträgliches Maß fällt oder der Sektor gar obsolet wird, muss man seine Arbeitskraft woanders verkaufen. Wenn Softwareentwickler nicht mehr angemessen bezahlt würden, weil's alle Software umsonst gäbe, (wovon ich nicht ausgehe, aber das ist eine andere Diskussion) gehen wir halt auf dem Bau schaffen. Oder werden glückliche Arbeitslose. Oder erkämpfen die 5 Stunden Woche für Programmierer.
e-Mail:: gerd@frombelow.net Homepage:: http://frombelow.net