P2P-Netze und die Musikindustrie
Seit dem 15. September 2003 ist ein neues Urheberrecht in Kraft. Die Rechte des Konsumenten, Kopien von urheberrechtlich geschützten Werken herzustellen und zu verbreiten, werden damit drastisch eingeschränkt. Die Umgehung von Kopierschutzmechanismen wird unter Strafe gestellt und Programme und Methoden, die geeignet sind, Kopierschutzmechanismen zu umgehen, dürfen nicht mehr zur Verfügung gestellt werden.
Die folgenden Thesen beschäftigen sich nicht direkt mit den neuen gesetzlichen Regelungen, sondern allgemein mit der Rolle von P2P-Netzen und CD-Brennern als Medien zur Verbreitung von Musik.
1. These: P2P-Tauschbörsen schaden der Musikindustrie nicht.
Dem interessierten Konsumenten steht von jeher eine schier unübersehbare Auswahl kostenloser Musik zur Verfügung, die ihm frei Haus geliefert wird - er muss nur das Radio oder den Fernseher (MTV etc.) einschalten. Kein Vertreter der Musikindustrie wird ernsthaft behaupten, hierdurch würden die Verkaufszahlen zurückgehen. Im Gegenteil - unbestritten ist, dass der Werbeeffekt solcher Sendungen die Verluste, die durch das Mitschneiden von Sendungen entstehen, bei weitem aufwiegt. Das gleiche gilt für P2P-Netzwerk und den Austausch gebrannter CDs: Der Konsument hat durch sie mehr Möglichkeiten Musik zu entdecken, die ihn interessiert. In Folge dessen ist davon auszugehen, dass er sich mehr Tonträger kauft und nicht weniger.
Der Hinweis der Industrie auf zurückgehende Verkaufszahlen steht dem nicht entgegen: Die reinen Verkaufszahlen sagen wenig aus. Es ist zu bedenken, dass es eine Reihe von Gründen für den Rückgang der Verkaufszahlen gibt, die nichts mit dem Tausch von Musik zu tun haben: So geben Jugendliche, eine der wichtigsten Kundengruppen, heute proportional weniger des ihnen zu Verfügung stehenden Geldes für Musik aus, weil sich das Konsumverhalten gegenüber früheren Generationen grundlegend geändert hat. Ein großer Teil des Geldes Jugendlicher wird heute für Kommunikationskosten, insbesondere Handy und Internet, ausgegeben, so dass weniger Geld für den Kauf von Musik zur Verfügung steht. Auch von älteren Käufergruppen wird weniger Musik gekauft, ohne dass dies notwendigerweise auf Musiktausch zurückzuführen ist: In dieser Käufergruppe konnte die Musikindustrie lange Zeit ihre Musik doppelt verkaufen: Was bereits auf LP vorhanden war, wurde von Sammlern im Rahmen der technischen Innovation CD erneut auf CD gekauft. Dieser Markt ist inzwischen jedoch gesättigt.
Auch sollte nicht vergessen werden, dass durch die Möglichkeit der digitalen Kopie neue Märkte entstehen, etwa für MP3-Player. Es sind teilweise die gleichen Konzerne (z.B. Sony), die sich einerseits über die Digitalkopie beschweren, andererseits zu den Profiteuren dieser neuen Märkte gehören.
2. These: Wenn das Kopieren von Musik der Musikindustrie schadet, ist dies gut und nicht schlecht.
Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die zur Untermauerung der ersten These vorgetragenen Argumente nicht stichhaltig sind und der Musikindustrie durch das Kopieren von Musik ein Schaden entsteht, gibt es keinen Grund, dies zu bedauern. Im Gegenteil. Die Musikindustrie ist überflüssig wie ein Kropf. Die obszöne Differenz zwischen den realen Herstellungskosten einer CD - also den Kosten für Material, Pressung, Studio, Musiker etc. - und dem Verkaufspreis ist durch nichts zu rechtfertigen. Distributionskanäle wie das Internet würden erlauben, diese Differenz auf ein Minimum zu reduzieren.
Die Industrie behauptet, sie würde der Menschheit einen (zu bezahlenden) Dienst erweisen, indem sie Talente sucht und fördert. Dieses Argument ist offensichtlich lächerlich. Es ist absoluter Müll, der die Hitparaden bevölkert. Es sind weitgehend talentfreie Dilettanten, die von der Industrie gepusht werden. Die Funktion, die sich die Industrie zuschreibt, wird von anderen Einrichtungen viel besser erledigt. Der Rat eines Freundes, der eigene Vergleich (den P2P-Börsen erst ermöglichen), die Fachzeitschrift, das Internet-Diskussionforum und das Fanzine ist viel besser in der Lage, die gute Musik von der schlechten zu scheiden.
3. These: Selbst wenn Musikern eine Einnahmequelle entzogen wird, ist das nicht weiter bedauerlich.
Es steht nicht in den zehn Geboten, dass Musiker für ihre Tätigkeit entlohnt werden müssen oder gar von der Musik leben können müssen. Viele Menschen verbringen einen Teil ihrer Zeit mit Tätigkeiten, die ihnen Freude bereit und die vielleicht die Gesellschaft sogar als schön, sinnvoll und nützlich erachtet, ohne dass hierfür eine relevante Entlohnung erfolgt. Der Programmierer, der in seiner Freizeit ein schönes Stück Software schreibt und es als freie Software zur Verfügung stellt, enthält keine Entlohnung. Der in einem Verein oder einer anderen Organisation ehrenamtlich Tätige erhält keine relevante Bezahlung. Es ist auch Musikern zuzumuten, auf die Einnahmen aus dem Tonträger-Verkauf zu verzichten und sich mit den Kompensationen zufrieden zu geben, die das Musikerleben sonst zu bieten hat: Prestige in der Community sowie Konzertreise bei denen sie sogar noch etwas Geld dafür bekommen in der Welt herumzureisen, umsonst zu essen und zu trinken und von einer großen Anzahl Leuten gemocht, ja manchmal sogar angehimmelt zu werden.
Nun kann man einwenden, dass die Qualität der Musik sinken würde, könnten Musiker nicht ihre ganze Zeit auf das musizieren verwenden. Allerdings sind es sowieso nur die wenigsten Musiker, die vom Verkauf ihrer Musik leben können - und nicht unbedingt die Besten. Es ist zumindest zweifelhaft, ob die Qualität der von den Massen rezipierte Musik sinken würde, wenn sie allein von Freizeitmusikern produziert würde. Die - bei den meisten Musikern, insbesondere den avancierten - geringen Mindereinnahmen, den sie ohne Verkauf von Tonträgern hätten, würde mehr als aufgewogen durch die neuen Möglichkeiten, die sich ihnen durch den freien Austausch von Musik böten: Ohne die Fesseln des Urheberrechts könnten sie frei auf die Musikproduktion der gesamten Menschheit zurückgreifen. Wir kennen diesen Effekt von der freien Software, die qualitativ kommerzieller Software mindestens ebenbürtige Produkte herstellen kann, weil der Mangel an bezahlten Vollzeit-Programmieren mehr als ausgeglichen wird durch die Verfügbarkeit der gemeinsamen Produkte zur freien Verwendung und Weiterentwicklung.
Man mag einwenden, dass diese Argumente für die Massenmusik gelten mögen, nicht aber für die "ernsthafte" Musik. Der Autor will nicht bestreiten, dass die Produktion dieser Musik professioneller Musiker, Komponisten und Dirigenten bedarf. Allerdings konnte sich dieser Bereich der Musik noch nie selbst finanzieren. Ernshafte Musik ist ein Subventionsgeschäft. Der Staat bezahlt den allergrößten Teil der Kosten für die klassichen Musiker, die Opernhäuser, die Konzerte. Gerade diese Musik sollte daher frei, d.h. umsonst zugänglich sein: Was von der Allgemeinheit bezahlt wird, sollt Ihr frei zur Verfügung stehen.