[Sorry, no English translation available. Enjoy the pics!]
Weit schallt es um 11 Uhr über den Passeig de Lluís Companys, als die CNT ihre Kundgebung mit dem Abspielen von "A Las Barricadas!", der Hymne der Spanischen Revolution, eröffnet. Die Old-School-Anarchosyndikalisten mögen es klassisch. In den folgenden Reden geht es "Contra El Estate", "Contra El Patróns" und für "Anarquia" und "Libertad". Viel mehr erschließt sich dem weder des spanisch - man pflegt es dort als "kastillisch" zu bezeichnen - noch des katalinisch mächtigen Berichterstatter nicht. Eine gute Gelegenheit, mal bei den anderen Fraktionen der Linken vorbeizuschauen.

CNT

CNT

CGT

CGT

Sozialisten, Kommunisten, Nationalisten

Mayday

Mayday
Ein paar hundert Meter vom Kundgebungsort der CNT entfernt ist die nächste Entscheidung zu treffen. Zur Linken die Demonstration der CNT-Abspaltung CGT. Zur Rechten die Demonstration von Sozialisten, Kommunisten und katalanischen Nationalisten. Bei der CGT sind ein paar hundert Teilnehmer zusammengekommen. Alte und Junge, manche mit Kindern. Viele Menschen, die nicht "szenetypisch" aussahen, aber ein Meer aus schwarz-roten Fahnen. Eine sympathische Latsch-Demo.
Die Demonstration der anderen Gewerkschaften ist inzwischen am Ort der Abschlusskundgebung angelangt. Viele gelb-rot gestreiften Fahnen und Transparente der katalanischen Nationalisten. Aber da ist auch ein Transparent "Por Una Izquierda Non Nactionalista" - für eine nicht-nationalistische Linke. Überraschend, es sind vor allem die traditionell kommunistischen Gruppierungen, die mit nicht-nationalistischer Symbolik auflaufen. Statt katalanischer Fahnen sieht man da eher kubanische. Die rot-gelb-violette Trikolore der Spanischen Republik dürfte auch eher unter nicht-nationalistische Farbenlehre fallen. Am Rande die Stände der üblichen politischen Gruppen. Linksruck gibt es in Spanien also auch.
Zurück zur CNT. Der Kundgebungsplatz ist inzwischen verwaist, aber der Polizeihubschrauber über der Stadt zeigte die Position der Demo an. Wie schon bei der CGT viele schwarz-rote Fahnen, hier mit den Initialen der CNT versehen. Alles etwas szene-mäßiger. Lautstark zieht die Demo über die Rambala. "Contra El Estate, Contra El Capital: Huelga, Huelga, Huelga General!" - Gegen Staat und Kapital: Generalstreik! Es wird "A Las Barricadas" und "Hijos Del Pueblo" angestimmt. Umliegende Flächen werden mit CNT-Aufklebern versehen, Anarcho-As an die Wände gesprüht. So stellt man sich eine 1. Mai-Demo der CNT in Barcelona vor. Wenn nur ein paar mehr Leute gekommen wären. Die Organisation, deren Syndikate und Milizen vor 69 Jahren den freiheitlichen Kommunismus in Barcelona durchsetzten, bringt heute am 1. Mai gerade noch 150 Companer@s zusammen. Auf dem Plaça Sant Jaume, legte sich eine Gruppe in weißen Overalls als "Opfer des Terrors der Arbeit" auf die Straße. Ihre Umrisse werden mit weißer Fahne auf das Pflaster gezeichnet. Die Fäuste werden geballt und nochmal gemeinsam "A Las Barricadas!" gesungen. Ein paar Hundert Meter weiter endet die Demo.
Ein paar Stunden Pause, bis die Mayday-Demonstration um 18 Uhr begann. Ein bunter Haufen hat sich da versammelt. Obwohl die traditionellen Gewerkschaften diesem neumodischen Kram skeptisch gegenüberstehen und den Tag über auf getrennten Demos liefen, sind sie alle da. Außerdem viele Immigranten, die für Papiere kämpfen. Künstlicherische Beiträge von verschiedenen Gruppen. Da hat eine Gruppe eine "Menschenfabrik" gebastelt. Auf einem anderen Handkarren grüßt "Die Heilige Precaria" das gläubige Volk. Wieder wird am Rande der Demo massiv gesprüht. Musikalisch diesmal keine Arbeiterlieder. Ein Soundsystem sorgt für elektronische Klänge. Nur durch einen schnellen Sprung zur Seite kann der Berichterstatter der spritzenden Farbe ausweichen, die sich aus einem Farbei über den am Wegesrand liegende Bankautomaten verteilt. Aus den umliegenden Restaurants wird die eine oder andere Flasche Sekt sozialisiert. Wie schon bei den anderen Demos keine Polizei weit und breit. Eine Stimme von hinten: "Hey, für wen machst Du denn Fotos? Machst Du die Leute auf den Bildern auch unkenntlich?" Ah, eine Genossin aus Deutschland. Nach einer knappen Stunde ist die Demo dann auch schon wieder vorbei.
Zum Ausklang noch kurz zur Polizeiwache im Vorort, wo drei Anarchisten festgehalten werden, die bei Vorkontrollen festgenommen worden sind. Genossen berichten, dass auch sie bei Vorkontrollen angehalten wurden. Ungewohnt für Barcelona. Wenn man deutsche Verhältnisse gewohnt ist, wundert man sich eher, dass von der Polizei kaum etwas zu sehen war.
Zeit, den Arbeiterkampftag mit einem Bierchen zu beschließen. In Barcelona gibt es eine lebdinge Hausbesetzer. Die Mieten sind hoch und der Wohnraum ist knapp, daher ist Häuser besetzen eine attraktive Möglichkeit für junge Leute, von zuhause weg zu kommen. Aber auch viele Leute aus dem Ausland zieht es in die besetzten Häuser Barcelonas. Die Repression gegen Hausbesetzer hält sich in Grenzen. So gibt es in Barcelona zur Zeit mehr als 100 besetzte Häuser, von denen viele ein Cafe oder eine Bar haben. Das Angebot ist vielfältig und reicht von der klassischen Trinkhalle (leerer Raum, Zapfhahn in der Ecke, katalanisch-nationalistische Poster an der Wand) bis zum gepflegten Café-Interieur. Auch der Computer-Kram hat längst einzug gehalten. Internet-Café im besetzten Haus, wow. Direkt mal checken, was es neues auf Indymedia gibt. In der hinteren Ecke nutzen ein paar Kids aus dem Viertel das Netz zur selbstbestimmten Sexualaufklärung. Hey, ist ja wie bei uns vor zwanzig Jahren, aber inzwischen ist die Auflösung der Filmchen deutlich besser. In einem anderen besetzen Haus ist der Hinterhof zum Café gemacht worden. Könnte richtig idyllisch sein, würde nicht hin und wieder irgendwelcher Bauschutt vom Dach hageln, das gerade ausgebessert wird. Drogenpolitisch ist Barcelona angenehm entspannt.
Der Revolutionsdevotionalienhandel bietet alles, was das Herz begehrt. Auf T-Shirt gibt es neben den Klassikern regionale Spezialitäten ("Antimadridista") und manches von eher zweifelhafter Qualität. Saddam Hussein im Che-Look, ob das hier in D auf einer Demo so gut ankommen würde? Ein Fähnchen für jede Region und Sub-Region Spaniens, ähm, ich meine natürlich "...des spanischen Staates", wie man hier politisch korrekt sagt. Der zugezogene Genosse erklärt dem katalanischen Genossen, dass die Irritation bzgl. der Fahnen auf beiden Seiten vorhanden ist; sie wundert's, auf Demos in Deutschland so viele Israel-Fahnen zu sehen, uns wundert's auf ihren Demos so viele katalanische Fahnen zu sehen.
Dann doch lieber mal im Büro der CNT vorbeischauen, da haben sie wenigstens keine Nationalfahnen. Im Büro der CNT streikt eine Gruppe von Migranten gerade für Papiere. Besucher, gar noch solchen von außerhalb, scheint man bei der CNT nicht gewohnt zu sein, aber es gelingt uns dann doch, die Genossen zu überzeugen, dass wir uns tatsächlich für ihren Kram interessieren. Alles schwer Old School im CNT-Buchladen. Kropotkin, Goldmann, Cohn-Bendit... uups, das ist jetzt aber wirklich ein bißchen sehr Old School.
Was auch immer man an und in der Linken sucht, in Barcelona findet man es. In Kombination mit dem angenehmen Klima, dem Strand, den sonstigen Vorzügen des großstädtischen Lebens eine fast perfekte Stadt, wären da nicht die Sprachbarrieren. Kastillisch wird als Zweitsprache gesprochen und mit Englisch geht's auch, aber für einen längeren Aufenthalt müssten man wohl doch Katalan lernen.